Wärmflaschen, Wärmesteine und Wärmepfannen


Die Geschichte der Wärmflasche


Eine kulturhistorische Plauderei. Ing. F.M. Feldhaus, 1923.

ir haben in der Schule gelernt, daß Gutenberg den Buchdruck und Watt die Dampfmaschine erfanden. Aber es hat uns niemand gesagt, daß diese und andere Erfindungen eine an Mühsalen reiche Vorgeschichte hatten. Wollen wir aus der Kulturgeschichte etwas lernen, dann müssen wir nicht so eifrig nach einzelnen Erfindungen fragen, sondern Entwicklungswege in der Vergangenheit aufsuchen. Und das können wir besser an einem kleinen Gegenstand, als etwa an einer in der ganzen Weltgeschichte weit sichtbaren Neuerung. Allerdings ist es überaus schwierig den Werdegang eines unscheinbaren Gerätes durch die Jahrhunderte rückwärts zu verfolgen.
Hier ist der Versuch gemacht, die Entwicklung der Geräte zu zeigen, an denen sich der frierende Mensch - getrennt von seiner Feuerstätte - zu erwärmen wußte. Wir werden sehen und hören, daß es bis zur handlichen Wärmflasche ein weiter Weg war.

Wir müssen uns zunächst daran erinnern, daß unsere heutigen geschlossenen Öfen und Herde im Altertum und Mittelalter eine Seltenheit waren. Man wärmte sich am offenen Herdfeuer, über dem der Kochkessel an einer Kette hing.
In Rathäusern und in den Wohnungen der Vornehmen hatte man offene, auf niedriegen Füßen stehende, bronzene Feuerpfannen.
Im Mittelalter legte man in Klöstern und Rathäusern vereinzelt Zentralheizungen an, so um 1120 im Kloster Clairvaux, dreißig Jahre später im Kloster Maulbronn und um dieselbe Zeit im Rathaus zu Lüneburg. Die letztgenannte Anlage ist noch insoweit erhalten, daß man vor jedem Sitz eines Gerichtsherrn im Fußboden einen bronzenen Deckel sieht. Wer sich wärmen wollte, hob diesen Deckel heraus und die warme Luft strömte ihm zu. Wir haben hier also nicht eine Raumheizung, sondern eine Heizung "der einzelnen Person."

Wer sich im Mittelalter an einer anderen Stelle als dem Herdfeuer erwärmen wollte, nahm den "Wärmtopf" mit sich. Und das war um so notwendiger, da unsere isolierenden Glasfenster im Bürgerhaus eine Seltenheit und in der Bauernstube vollkommen unbekannt waren. Man hatte bestenfalls die Fensteröffnungen mit Vorhängen, Holzläden, engen Gittern oder mit Scheiben aus Horn oder mit geöltem Papier verschlossen.
Wie man den Wärmtopf im deutschen Mittelalter nannte, wissen wir nicht; bekannt ist nur, daß der dänische Historiker Saxo ihn ums Jahr 1200 in lateinischer Sprache kurz
erwähnte 1].

Eine besondere Einrichtung brauchte man für die Geistlichen in den weiten, ungeheizten und oft in ihren Fenstern unverglasten Kirchen des Mittelalters. Die Kirchenbesucher konnten ihre Hände in Handschuhe, Muff oder Taschen stecken, aber der geistliche am Altar und auf der Kanzel mußte lange mit bloßen Händen in bitterer Kälte stehen.
Darum gehörte zum kirchlichen Gerät des Mittelalters der "Wärmapfel". Seine älteste Beschreibung haben wir aus dem Reise-Skizzenbuch des französischen Architekten und Ingenieurs  Wilars, das ums Jahr 1245 niedergeschrieben ist 2].
Unsere 1. Abbildung zeigt den Apfel im Durchschnitt. Ringsum erkennen wir die metallenen Wandung, die an zwei einander gegenüber liegenden Stellen verschraubt ist; sie besteht demnach aus zwei Halbkugeln. Wie wir später noch sehen werden, sind diese Halbkugeln durchbrochen, damit die Wärme besser aus dem Apfel herauskommt.
Weiter zeigt uns die Skizze von Wilars, daß in dem Apfel sechs Ringe gelagert sind, daß einer im andern sich frei drehen kann.
Die Aufhängungspunkte liegen abwechselnd in der Skizze rechts und links und oben und unten. Im mittelsten Ring dreht sich ein kleines Becken aus Metall, das man mit glühenden Holzkohlen füllt. Man mag nun den Apfel drehen wie man will; das Kohlebecken wird immer wagrecht schweben. Die Kohlen werden also nicht herausfallen können.
Die Ringaufhängung dieses Kohlebeckens ist die gleiche, (kardanische) wie wir sie noch heute an Kompassen auf See verwenden. Man hatte auch Wärmäpfel, in die man statt der glühenden Kohlen ein glühendes Eisen einlegte, und gar schon solche, die man mit heißem Wasser füllte. Im Jahre 1502 wird ein silberner Wärmapfel im Inventar der Kirche von Laon erwähnt, und in Rom, Prag, Halberstadt und Danzig bewahrt man solche Äpfel in den Kirchschätzen noch auf 3].

Ein besonders prächtiger Wärmapfel gehörte bis ins 15. Jahrhundert zu den lithurgischen Geräten, die bei der Weihe und Salbung der römisch-deutschen Könige und Kaiser kirchlich zur Anwendung kamen. Franz Bock, der ein prachtvolles Werk über die alten Reichskleinodien herausgegeben hat 4], fand den kaiserlichen Wärmeapfel in Rom wieder. Man hielt ihn dort für ein Salbgefäß. Er ist aus Rotkupfer angefertigt, reich graviert und durchbrochen und im Feuer stark vergoldet. Man kann annehmen, daß der Apfel das Werk eines deutschen Goldschmiedes aus dem

 

Abbildung 1

13. Jahrhundert ist; bis zum Jahr 1425 gehörte er zu den damals in Nürnberg aufbewahrten Reichskleinodien. Auf welche Weise er aus dem Krönungsschatz kam, wissen wir nicht mehr. Die technische Einrichtung des kaiserlichen Wärmeapfels hat der genannte Kunsthistoriker Boch leider nicht untersucht. Er sagt nur ganz kurz, daß die reich verzierte Hohlkugel
"durch ein sinnreich in der Mitte angebrachtes glühendes Stück Metall auf ihrer Oberfläche gleichmäßig erwärmt" wurde.

Der Herzog Jean de Berry, ein Sohn Königs Johann des Guten von Frankreich, war ums Jahr 1390 einer der eifrigsten und erfolgreichsten Sammler von Kunstgegenständen und Kuriositäten. Das Inventar seiner Sammlung hat sich erhalten, darin werden auch Wärmflaschen (chauferettes) aus Gold erwähnt, aber nicht näher beschrieben 5].

Die technische Einrichtung eines "eisernen Wärmekästleins" kennen wir aus einem der berühmtesten chirurgischen Werke, das der Franzose Pare`im Jahre 1561 herausgab. Das Werk erlebte viele Auflagen und (1635)

 
Abbildung 2



auch eine deutsche Bearbeitung 6]. Pare` will einen kleinen Wärmkasten benutzen, wenn irgend ein Glied des menschlichen Körpers kalt geworden ist:
"Vber ist allde noch dieses warzunemmen / daß das Glied manchmal in solche Kälte geräht / daß seine Wärmbde dardurch fast gar verfelt / vnd also den Artzneyen zu keiner Würckung verhelffen kan. Derowegen damit diese Wämbde wiederumb auffgemuntert vund erweckt werde / kan man dem Glied dieses eyserne Wärmkästlein beyfügen / vnd damit es desto länger warm bleibe / ein lang stück Eisen / so in dem Fewer glühend worden / darein legen."
Ähnlich lautet die Beschreibung in späteren deutschen Auflagen (Abb. 2).

Daß man kleine Wärmeapparate, die man "Feuersorgen" oder auch nur "Glutpfannen" (lateinisch: foculus batillus mensarius) nannte, bei Tisch gebrauchte, berichtet der Straßburger Professor Theophilus Golius im Jahre 1582.
Man erwärmte darauf die Speisen 7]. Das war notwendig, weil man in jenen Zeiten viel üppiger aß und viel länger zu Tisch saß als heute.

Von einem zinnernen Bettwärmer hören wir zum ersten Mal etwas in den Gedichten des schlesischen Land-Syndikus Andreas Gryphius (1616 / 1664). Er erzählt 8], daß Frau Cyrilla dem Herrn Sempronio,
"ihrem e(r)kommen Eheschatz jedweden Abend mit einem Bettewermer von Zinn aufwarte".
Das berühmte deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm - die dem großen Publikum besser als Märchensammler bekannt - verzeichnet beim Stichwort "Bettwärmer" diese Stelle des Gryphius, aber es hat gleichzeitig noch eine einfachere Erklärung für den Bettwärmer, man muß sagen eine weniger technische: "Bettwärmer, man nennt auch so einen Bettgenossen, der das Bett wärmen hilft" 9].

Der von Gryphius erwähnte zinnerne Bettwärmer ist eine Wärmflasche gewesen, wie sie jahrhunderte lang von den Zinngießern hergestellt wurde. Wir werden von ihr noch später hören.

Bartolomeo Scappi, ein päpstlicher Geheimkoch, schrieb ums Jahr 1570 ein sehr umfangreiches und reich illustriertes Buch über die Küche, die Küchengeräte und das Kochen. Er beschreibt dabei die Kochgeschirre, die für den päpstlichen Reisewagen, die der Papst auf Reisen mitnahm. Manches Mal schweift er auch auf Gegenstände ab, die nicht direkt zum Kochen nötig sind, wohl aber seiner Verwaltung unterstanden. So erfahren wir bei Scappi von einem eigenartigen Fußwärmer für den päpstlichen Reisewagen, der im Küchenfeuer erhitzt werden mußte und deshalb der Küchenverwaltung unterstand.
Wir sehen  ihn hier in der Abbildung 3 und 4 nach Scappis Zeichnungen dargestellt. Außen besteht der Fußwärmer aus einem hölzernen Kasten, der die Hitze möglichst lange halten soll. Darin steckt ein glatter Einsatz aus Eisen und in ihm erkennen wir einen gewellten Einsatz, der aus Kupfer gefertigt war.
In den Kupfereinsatz wurde der im Feuer glühend gemachte Bolzen mittels eines Hakens versenkt. Sehr auffallend ist die äußere, gewellte Form des Kupfereinsatzes. Hier hat man schon ganz bewußt die Oberfläche des Einsartzes vergrößert, damit sie um so mehr Hitze ausstrahle. Gewellte  Oberflächen an Heizkörpern gelten als eine Errungenschaft der modernen Technik.
Hier sehen wir aber, daß auch das Kleingerät in vergangenen Zeiten für hohe Persönlichkeiten unter Mitwirkung von Gelehrten angefertigt wurde. Irgendein Naturforscher, der die Oberflächenausstrahlung untersucht hatte, gab einem tüchtigen Handwerker diesen  päpstlichen Fußwärmer an.
Auch die Konstruktion des Deckels zeugt von sorgsamer Überlegung; denn der hölzerne Deckel trägt, wie wir sehen, eine Erhöhung, die aus Kupfer angefertigt war. Dieser Kupferkörper war sorgfältig in den gewellten Kupferkörper verpaßt.


Abbildung 3 und 4

Wenn man den Holzdeckel mittels der Schnüre auf den Kasten aufgebunden hatte, dann hielt der Fußwärmer die Hitze sehr lange 10].
An dieser Stelle möchte ich auf eine sonderbare Wärmvorrichtung hinweisen, die ich vor einigen Jahren in dem reichhaltigen Stadtmuseum zu Leipzig sah. Dort bewahrt man einen großen, gußeisernen Ofen auf, der ehemals - ums Jahr 1650 - in der Ratsstube stand. An den senkrechten Kanten des Ofens sitzen auf starken Stiften, die in den Feuerraum hineinführen, dicke Messingkugeln. Wenn es den Ratsherren ehemals an ihren Fenstersitzen rings um den Saal zu kalt wurde, dann nahmen sie sich eine solche messingkugel vom Ofen in die Hände. Besonders die Herren Ratsschreiber, die die leichten Gänsekiele bei langen Sitzungen im Winter in kalten Händen halten mußten, werden das gern getan haben.

Im Jahr 1694 zeichnete der Niederländer Jan Luyken eine Reihe von Handwerkern bei der Arbeit (Abb. 5). Darunter finden wir den Zinngießer in seinem Laden. Allerlei Zinngeschirr ist in den Regalen aufgebaut, und auf der Erde liegt einiges auch malerisch herum. Da steht eine hohe Kanne mit Henkel, und neben ihr liegt schräg eine große zinnerne Schüssel. Sie stützt sich auf ein Gefäß, daß uns besonders interessiert: auf eine ballonförmige Wärmflasche mit Schraubdeckel. Aber auch auf dem Verkaufstisch und in den Regalen können wir noch einiges finden. Auf dem Verkaufstisch steht an der dem beschauer zugekehrten Kante eine Wärmflasche, die unten flach, oben aber abgerundet ist. Sie hat die Form, damit man die Füße bequem auf die Abrundung stellen kann. Diese Form ist überdies vor Jahren "neu" erfunden worden, ohne das sie sich eingebürgert hätte. Die Füllschraube hat man dann zwischen den Füßen. Dicht hinter dieser Wärmflasche sehen wir eine hohe, würfelförmige Flasche mit Schraubdeckel, und die gleiche Form entdecken wir auf dem mittelsten Brett des Regals 11].

Solche zinnernen Wärmflaschen werden im Jahre 1715 in dem damals hoch angesehenen "Frauenzimmer-Lexicon" beschrieben. Dieses Buch enthält alles, was die vornehme Dame - damals "Frauenzimmer" - wissen mußte. So finden wir auch verschieden Wärmeapparate beschrieben: zunächst die Wärm-Flasche:
"Ist eine von Zinn, Oval hol gegoßenes Gefäße, mit einem Schraube-  und noch ganz besondem Deckel versehen, wird mit siedendem Wasser angefüllet, und in die Betten zu deren Erwärmung gesetzet" 12].
Dann folgt die Beschreibung eines Wärmetellers:
"Ist ein doppelter und holer von Zinn gegoßener und gedreheter runder Teller, mit einer Schraube versehen, welche mit heißem Wasser angefüllet wird, damit man bey dem Essen die ordentlichen Teller drauff setzen, und Speisen warm genießen kan" 13].

Auch finden wir im Frauenzimmer-Lexikon die Beschreibung der Wärm-Pfanne:
"Ist ein von Kupffer oder Messing rund gewölbtes Gehältnüß, mit einem langen Stiel und durchlöchertem Deckel versehen, wird mit glühenden Kohlen zu Erwärmung der Betten angefüllt" 14].

Diese Wärmpfannen findet man noch häufig in unseren Museen. Die Durchbrechungen der Deckel sind meist reich verziert, und die blank gescheuerten Messinggeräte sehen prunkvoll aus (Abb. 6). Die Deckel haben einen Durchmesser bis zu 40 cm 15].

                                                                        Abbildung 5

Die Verwendung dieser Wärm-Pfannen im Zimmer einer eleganten Dame zeigt unser Titelbild.

Die Wärmflasche ist unter der Bezeichnung "Bettflasche" im Jahr 1753 in dem damaligen deutschen Konversationslexikon auch zu finden. Es heißt dort:
"Bett-Flasche, Wärm-Flasche, so nennet mann das aus Zinn verfertigte ganz rund oder länglich runde flache Gefäß, dessen man sich zur Winters-Zeit bedienet, entweder die Betten damit auszuwärmen oder die Füße darauf zu stellen, wenn sie vorherd mit heißem Wasser oder heißem Sand gefüllet worden" 16].
Auch die Wärmpfanne ist in diesem Lexikon beschrieben; man fertigte sie aus Messing oder aus Kupfer. Die Stiele waren aus Holz und man fuhr
"in den Betten, solche zu erwärmen, damit herum" 17].

Endlich hören wir aus dem Lexikon auch etwas über die "Feuergieke". Es ist dies ein altes, ursprünglich wohl nordisches Gerät, das man heute nur noch bei den Marktfrauen in einfachster Form findet. Die Beschreibung in unserem alten Lexikon lautet:
"Gieke, ist ein von Messing oder weißem Blech, bald eckicht, bald rund-getriebenes Behältniß, so an der oberen decke mit einem beweglichen Spriegel versehen, inwendig hohl, damit man darin einen absonderlich-dazu bereiten Einsatz mit glühenden Kohlen setzen könne, um sich dessen zur Winters-Zeit außer aller Gefahr in denen Kirchen-Stühlen zu bedienen und die Füße darüber zu wärmen; zu dem Ende ist selbige nicht nur am Deckel, sondern auch an den Seiten hin und wieder durchbrochen, und mit einem ordentlichen Thürlein verschlossen, so daß solche von dem Frauenzimmer mit gutem Nutzen gebraucht wird" 18].
Die Beschreibung ist klar, bis auf das Wort "Spriegel". Dies ist ein beweglicher Bügel, ein Henkel, an dem die Frau die Gieke - die in andern Gegenden "Stüfchen" (kleine Stufe) genannt wird - bequem im Arm tragen kann. Das große schon genannte Wörterbuch von Grimm meint man nenne eine Gieke besser: Feuersorge oder Feuerstübchen 19].

Man nahm diese kleinen Kohlebecken zu Großmutters Zeiten auch in die Theater mit, und dadurch ist mancher Brand entstanden, so im Jahre 1858 der Brand des Allierie-Theaters in Turin. Dort entzündete das im Souffleurkasten stehende Kohlebecken die Holzteile der Bühne, und das ganz aus Holz gebaute Schauspielhaus brannte nieder. Die Verwendung der Kohlebecken in Theatern war eine so allgemeine, daß, daß im Winter der Zuschauerraum stets mit einem leichten Brandgeruch angefüllt war. Deshalb beachtete man am 28. Januar 1810 im Stadttheater zu Le Havre den Brandgeruch nicht besonders; aber nach der Vorstellung schlugen die Flammen aus dem Gebäude heraus, das in wenigen Stunden vollständig niederbrannte.

In Abb. 7 sehen wir einen reich verzierten Wärmeapparat aus Japan. Er befindet sich im Besitz von Frau Georg von Siemens auf Schloß Ahlsdorf, Bez. Halle. Wenn man die obere Hälfte der durchbrochenen, reich verzierten Messingkugel abhebt, dann kommt eine zweite, glatten Messingkugel zutage, die von drei Ringen umgeben ist. Es ist das

 

Abbildung 6


die gleiche Ringlagerung, wie wir sie hier in Abbildung 1 schon gesehen haben. Die durchbrochene Kugel liegt lose in einemj verzierten Ring, und dieser hängt in einem zierlichen Gestell, das durch drei Paar Seidenquasten geziert ist. Die innere, glatte Kugel wird mit glühenden Holzkohlen gefüllt 20].

Eigenartige Wärmflaschen aus Zinn mit Wasserfüllung hatten die Franzosen vor anderthalb Jahrhunderten (Abb. 8). Sie sind so gebaut, daß man die Füße in sie hineinsetzen kann. In den Betten benutzte

Abbildung 7

man damals in Frankreich zinnerne Wärmflaschen 21].

In Deutschland hatte man um 1783 außer der Wärmflasche und der Wärmepfanne auch einen "Wärm-Korb" 22], um die Betten zu erwärmen. Eine nähere Beschreibung davon konnte ich nicht finden, aber ich vermute, daß sie den früher erwähnten Wärmepfannen ähnlich waren. In Pommern ließ ich mir erzählen, daß man dort in den Kachelöfen Klötze aus Eichenholz oder Beutel, die mit Kirschkernen gefüllt sind, erwärmt und dann in die Betten legt. In dem größten, jemals in deutscher Sprache erschienenen Lexikon Krünitz (1783) - es umfaßt von A bis Z 242 Bände! - lese ich noch folgendes:
"Eine Art Bett-Wärmer, worein man einen heißen Stahl steckt, nennt man im Scherz Demoiselle" 23].


Abbildung 8


Im 13. Band des Lexikons von Küritz wird im Jahr 1786 sehr eingehend über die Gieke gesprochen 24] und manches Interessante von ihr erzählt. So hatte man im Jahr 1766 vorgeschlagen, daß jede Frau, die eine Gieke in die Kirche mitnimmt, eine Abgabe zahlen sollte. Von dem so gesammelten Geld könnte man denen helfen,
"die wegen Mangel der Schuhe und Strümpfe die Kirche nicht besuchen können".
Dann wird erwähnt, daß Ärzte schon lange gegen die böse Gewohnheit der Benutzung von Gieken gepredigt hatten; diese medizinische "Schoßsünde" hatte "fürchterliche Begebenheiten" hervorgebracht. Vor allem seien die schwefeligen Dämpfe der Holzkohlen sehr schädlich, und mancher Anfall von Übelkeit in der Kirche sei darauf zurückzuführen. Schlimmer werde es, wenn die einfachen Frauen in der Stube beim Spinnen säßen und jede ihre Gieke brennen habe. Krünitz empfiehlt desahalb ausdrücklich statt der Gieke die Verwendung von Wärmflaschen.

Da durch die Kohlepfannen und die Gieken manches Brandunglück entstanden war, kamen in England 1788 Fußwärmer auf, in denen ein erhitzter Bolzen aus gebranntem Ton steckte (Abb. 9). Der hier abgebildete


Abbildung 9

tönerne Fußwärmer wurde in die Kirchen, das Theater, den Reisewagen, für kalte Kaufmannsläden und für Arbeiten am Schreibtisch empfohlen. Außen war er mit Samt überzogen. Innen bestand er aus einer tönernen Kapsel, in die man den glühenden Tonkörper hineinlegte. Das ganze ist ersichtlich den tönernen Plätteisen nachgebildet, die man damals in einigen Gegenden statt der eisernen oder messingenen Plätten
benutzte 25].

Das erste Patent auf einen Bettwärmer erhielt der in Paris lebende, wohl aus Deutschland stammende Kupferschmied Schulders. Es wurde ihm unter Nr. 315 am 11. November 1808 erteilt. Schulders hat die alte Wärmflasche (Abb. 6) feuersicherer konstruiert, indem er die Öffnungen für den Fuftzug in eine besondere Bekrönung verlegte 26].

Die eigenartigsten, mir bekannt gewordenen Fußwärmer besitzt eine Privatsammlung beim Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Es sind ein Paar Steigbügel, die Napoleon I. auf seinem Feldzug

Abbildung 10

in Rußland 1814 getragen haben soll. Unter den Steigbügelplatten sitzen kleine, nach unten verjüngte Kessel, die mit glühenden Holzkohlen gefüllt wurden 27].

Im Mai 1831 brach die gefürchtete asiatische Brechruhr, die Cholera, zum erstenmal über Danzig in Deutschland ein. In den großen Städten starben täglich hunderte von Menschen daran. Mittel über Mittel wurde gegen die Seuche angepriesen. Eines der wichtigen war der Schutz vor Erkältung, zumal vor kalten Füßen. Deshalb sehen wir auf den vielen Spottblättern, die damals gegen die Cholera-Furcht erschienen, stets die Wärmflasche neben Medikamenten und Atemschutzapparaten (Abb. 10).

Die letzte Nachricht von der Wärmflasche, die man noch als "geschichtlich" ansehen kann, fand ich in einem Bilderbuch, das um 1840 erschien. Leider wird die dort abgebildete "Bettflasche" nicht näher beschrieben (Abb. 11). Ohne Zweifel dient die Einsatzöffnung im Oberteil zum Einsetzen der Kinder-Milchflasche 28].

Zum Schuß seien noch einige kuriose Erfindungen und "Verbesserungen" angeführt.

1843 richtete D.Wihl aus Weckelinghoven an die Regierung das Ersuchen um Erteilung eines Patentes auf Socken mit einer chemisch präparierten Einlage zur Erwärmung kalter Füße. In dem Gesuch heißt es:
"Die Mischung des Bittstellers ist einem aromatischen Pechpflaster gleich."
Er wird sehr betrübt gewesen sein, daß man ihm seine Erfindung als nicht neuartig und nicht schützbar ablehnte.

1863 wollte sich der Kaufmann Prillwitz eine Wärmflasche schützen lassen, die
"zum Behufe der Erleichterung des Transportes einen festen oder anbnehmbaren Stiel hat". Die Königl. Tech. Deputation im Gewerbe schreibt im darauf, daß sie sich vergeblich bemüht haben, an der Wärmflasche etwas zu entdecken, was einen Anspruch auf Patentierung rechtfertigen könnte.

1867 meldete Herr Klempnermeister Schauks zu Landsberg einen kofferförmigen Kasten von Blech zum Patent an, der durch ein Rohr mit einem neben der Bettstelle stehenden Ofen in Verbindung steht. Leider ward ihm das Patent für den umfangreichen ofenbeheizten Wärmekoffer versagt.

Herr Prillwitz - vermutlich der schon einmal genannte - meldete 1875 einen Schuh zum Patent an, in dessen Sohle ein Rost für Kohlenheizung angeordnet ist. Die Königl. Techn. Deputation für Gewerbe schreibt ihm darauf:
"Wir vermögen aus den Vorlagen die Überzeugung nicht zu gewinnen, daß der beabsichtigte Zweck wirklich unter allen Umständen erreicht wird".
Später hat der Erfinder ein Muster eingereicht, und das Patent ist ihm wirklich erteilt worden.

In der Praxis hat man von diesen merkwürdigen Ideen natürlich


Abbildung 11

nichts gemerkt. Es setzen sich ja bekanntlich auf die Dauer nur wirklich brauchbare Erfindungen und Verbesserungen durch.

Damit sind wir auch am Ende dieser Abhandlung, denn die Wärmflaschen von heutzutage sind ja ein Stück Gegenwart.


Anmerkungen.

 1] Hoops, Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 2, S.30.
 2] Lassa, Album de Villard, Paris 1858, Blatt 9r.
 3] Otte-Wernicke, Handbuch der Kirchlichen Kunst-Archäologie, Leipzig,
     Bd. 1. 1883, S.393.
 4] Bock, Reichskleinodien, Nürnberg 1864, Taf. 20, sowie S.12, 117 u. 119.
 5] J. von Schlosser, Die Kunst- und Wunderkammern, Leipzig 1908, S.30.
 6] Wund Artzney ....des Herrn Ambrosij Parei, Frankfurt a.M. 1635, S.903.
 7] Golius, Onomasticon. 1582, S.325.
 8] Gryphius, Bd. 1, S.835.
 9] J. und W. Grimm, Deutsches Wörterbuch, Leipzig, seit 1854, Bd. 3.
10] B. Scappi, Opera, Venedig 1570, Taf. 19.
11] J. u. C. Luyken, Spiegel van`t Menschelyk Bedrijf, Amsterdam 1694, Blatt 26.
12] Amaranthes, Frauenzimmer-Lexicon, Leipzig 1715, S. 2099.
13] Ebenda.
14] Ebenda.
15] Man findet sie besonders in Niedersachsen und in großen Formen heute
      im vaterländischen Museum zu Hannover.
16] Zedler, Universal-Lexicon, Leipzig, Bd.3. 1733, S.1562.
17] Ebenda, Bd.52, 1747, S.499.
18] Ebenda, Bd.10, 1735, S 1442.
19] Wie Anmerkung 9.
20] Salmon, Art du potier d`etain, Paris 1788, Taf.21.
21] Ebenda, Taf.7.
22] J.G.Krünitz, Encyklopädie, Berlin, Bd.4, 1783, S.340.
23] Ebenda.
24] Ebenda, Bd.13, 1786, S.236.
25] Journal des Luxus und der Moden, 1788, Taf.32.
26) Geschichtsblätter für Technik, Berlin 1915, Bd.2, S.192.
27] F.M.Feldhaus, Die Technik der Vorzeit...., Leipzig 1914, Sp.523.
28] 30 Werkstätten von Handwerkern, Stuttgart o. J(?)

Verlag der Krausswerke Schwarzenberg, S.A.
Auslieferung für den Buchhandel durch Erich Matthes Verlag
Hartenstein/S.A. und Leipzig
Copyright 1923 by Krausswerke Schwarzenberg/S.A.

Weitere Informationen zu den im Quellennachweis aufgeführten Fundstellen:

  Bock, Reichskleinodien, 1864

  B.Scappi, Opera, Venedig, 1570

  Amaranthes, Frauenzimmer-Lexicon, 1715

  Journal des Luxus und der Moden, 1788

 

Zu den Stichworten aus dem Artikel finden sie weitere Erläuterungen hier:

Bett-Wärmer, Bett-Flasche, Bettflasche, Bettewermer,
Feuerstätte, Feuerpfanne, Feuersorge, Feuergieke, Füerkieke, Feuerstübchen,
Glutpfanne, Gieke,
Kohlebecken, Kohlepfannen,
Stüfchen,
Wärmeapfel, Wärmtopf, Wärm-Flasche, Wärmeteller, Wärme-Korb, Wärmekasten,Wärmekoffer, Wärmpfanne, Wärmeapparat,